Ein Umzug in ein anderes Land bedeutet immer mehr als nur einen neuen Wohnsitz. Besonders, wenn dieser Schritt unfreiwillig geschieht – wie für viele Ukrainerinnen, die seit 2022 nach Deutschland gekommen sind. Die große Frage: Wie bleibt man Ukrainerin und wird gleichzeitig Teil der deutschen Gesellschaft? Wie verliert man sich selbst nicht – und schließt sich dennoch nicht komplett in der „eigenen Blase“ ein?

Zwei Sprachen, zwei Denkweisen

Die Sprache ist die erste Grenze der Identität. Deutsch ist notwendig für Studium, Arbeit, Alltag. Ukrainisch bleibt die Sprache des Herzens. Wer Deutsch lernt, denkt bald anders, strukturierter, direkter – wie es hier üblich ist. Viele fragen sich dann: Verliere ich mich selbst?

Die Wahrheit ist: Das ist keine Spaltung, sondern Bereicherung. Wer zwei Sprachen lebt, sieht die Welt weiter.

Fremd unter Eigenen – und nicht ganz zu Hause bei Anderen

Im deutschen Umfeld fühlen sich viele Ukrainer*innen nicht ganz zugehörig – der Ton, der Humor, die Dynamik ist anders. Und zugleich spüren sie nach einiger Zeit auch Distanz zur ukrainischen Community: Themen, Sprache, Alltagserfahrungen verschieben sich.

Diese innere Spannung ist typisch für viele Migrant*innen. Und sie tut weh, weil man sich nirgends mehr 100 % zugehörig fühlt. Aber genau daraus entsteht auch eine besondere Stärke: die Fähigkeit, zwischen Kulturen zu leben.

Brücken bauen statt sich zu verlieren

Doppelte Identität ist kein Übergangszustand, sondern eine neue Realität. Aber sie ist kein Verlust – sie ist ein Potenzial. Ukrainerin in Deutschland zu sein, bedeutet, Brücken zu bauen, nicht nur Zuschauerin zu sein. Genau diese Position ist heute wichtiger denn je.

Was hilft, das Gleichgewicht zu finden?

• Ukrainische Kulturinitiativen besuchen – das hält die Verbindung zur Herkunft lebendig.

• An deutschsprachigen Projekten teilnehmen – um aktiv Teil der Gesellschaft zu sein.

• Sich selbst regelmäßig daran erinnern, dass „doppelt“ eine Stärke ist. Kein „entweder-oder“, sondern ein „sowohl-als-auch“.

Nachwort

Wir müssen uns nicht entscheiden: nur Ukrainerin oder nur Deutscher zu sein. In der heutigen Welt entsteht Identität auf der Grenze, nicht in der Trennung. Und wer das annimmt, kann nicht nur integriert sein – sondern auch gestalten.

Autorin: Maryna Bets